Die Frutiger Bibel: Adrian Frutiger Schriften

Als der große Schriftgestalter Adrian Frutiger im Sommer 2015 starb schrieb Erik Spiekermann, seines Zeichens selber erfolgreicher Type-Designer, im Nachruf in seinem Blog:

„Adrian Frutigers Schriften kennen wir alle, seinen Namen kaum jemand.”

Frutiger begegnet uns in seinen Schriften tatsächlich jeden Tag. Seine Univers, Avenir oder eben die berühmte Frutiger stehen einem Design-Klassiker wie der Helvetica in Sachen Verbreitung in Nichts nach — ganz zu schweigen von der Sauberkeit in Proportion und formalen Kriterien. Einer Schrift aus der Feder Adrian Frutigers reicht in Sachen Lesbarkeit kaum einer das Wasser, keine Helvetica, keine Myriad und keine Futura.

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Wer mehr über den Mann hinter den Schriften erfahren möchte, dem sei das Buch Adrian Frutiger Schrift. Das Gesamtwerk ans Herz gelegt. Wie eine üppige Frutiger-Bibel kommt der 460 Seiten starke Band daher. Und nichts anderes verbirgt sich hinter dem Titel, der auf feine Art Leben und Werk des Schriftgestalters dokumentiert und kommentiert.

Im Zentrum stehen die Schriften Adrian Frutigers

Drei inhaltliche Ebenen bringen die Autoren und Herausgeber Heidrun Osterer, Philipp Stamm und Adrian Frutiger in ihrem Buch auf intelligente Weise unter: auf der ersten Ebene, der mit Abstand am meisten Raum zugesprochen wird, kommt Frutiger selber zu Wort. Ausführlich erzählt er aus der Erinnerung über seinen Arbeitsprozess, beschreibt was ihn damals umtrieb und kommentiert retrospektiv seine Arbeitsergebnisse. Grundlage dieser Texte sind ausführlichen Interviews, die die Herausgeber mit Frutiger führten und die fast eins zu eins verschriftlicht wurden. Der Titel sagt es: „Schriften” — im Zentrum steht hier das Werk, nicht das Privatleben des Menschen Adrian Frutiger. Nach einer kurzen Einführung über Frutigers Kindheit werden die Schriften ausführlich und chronologisch dargestellt und besprochen; gleichwohl und glücklicherweise ist dabei aber auch immer wieder etwas über den Menschen, den Schöpfer der berühmten Typen zu erfahren.

Die Texte und Kapitel sind gespickt mit ausschweifendem Bildmaterial und Schriftproben. Briefe, Skizzen, Moodboards – es ist spannend und aufschlussreich zu sehen welche Einflüsse Frutiger aufgriff, welche Ideen er hatte und wieder verwarf. Zeitweise hat der Leser das Gefühl dem Meister beim Arbeiten über die Schulter blicken zu dürfen. Das lesen zu dürfen ist wunderbar und lehrreich.

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Frutigers Schriften sind untrennbar mit der Geschichte ihrer Zeit und den zur Verfügung stehen Produktionstechniken verbunden. Eine Avenir wurde mit der Gewissheit gezeichnet das verfahren des Offsetdruck nutzen zu können, die OCR hingegen wurde speziell für die Schreibmaschine entwickelt. Dieser Tatsache trägt die zweite inhaltliche Ebene Rechnung, die chronologisch zur Dokumentation die Veränderungen der Drucktechniken und Produktionsmöglichkeiten darstellt. Auf intelligente Art und Weise erklären sich vor diesem Hintergrundwissen plötzlich Bögen, Kurven und Punzen. Das ist Frutiger: der Bogen nicht so steil, um der Schrift einen bestimmten Charakter zu verleihen oder eine Identität zu schaffen sondern weil er Sinn macht – weil er besser gedruckt werden kann, besser in einem bestimmten Kontext lesbar ist.

Bis hierhin präsentieren sich dem Leser drei Kilogramm Erinnerungen und Bilder — im Fall von Adrian Frutiger ist schon das wunderbar zu lesen und zu betrachten. Da sich aber die Frage stellt, ob das Gesamtwerk Frutigers in seiner Fülle überhaupt allein anhand einer großen Primärquelle dargestellt werden kann, geben die Herausgeber dem Leser eine dritte inhaltliche Ebene an die Hand. Sie verläuft parallel und ist in einer schmalen Randspalte gesetzt. Die Herausgeber Osterer und Stamm betten Frutigers Aussagen hier mit eigenen Beiträgen in zeitliche Kontexte ein, geben zentrale Hintergrundinformationen und untermauern die transkribierten Interviewtexte mit fundiert recherchierten Informationen.

Wenn es nach Erik Spiekermann geht, ist die Zeit der großen Schriftengestalter nun vorbei. Frutiger war definitiv einer von ihnen — ein Großmeister, ein Hohepriester der Typografie. Der bei Birkhäuser erscheinen Band beweist dies auf eindrucksvolle Weise.

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